Keine andere Frage ist in der Hardware-Welt derzeit so wichtig wie: Wann bessert sich
die aktuelle Speicherkrise?
Es gibt Argumente, dass vor allem DRAM für Arbeitsspeicher, aber auch
NAND-Flash für SSDs über Jahre hinweg knapp bleiben könnten.
Andererseits wiederum ist eine Entspannung der Liefersituation nicht
ausgeschlossen.
Im Kern der Krise stehen Cloud-Hyperscaler wie Amazon (AWS), Google
Cloud, Microsoft (Azure) und Oracle sowie KI-Giganten wie OpenAI, Meta
und xAI. Sie bauen riesige KI-Rechenzentren und kaufen dafür massenhaft
Speicher. Dabei hebeln sie das Prinzip Angebot und Nachfrage aus, weil
sie nahezu beliebige Preise zahlen: Hyperscaler kaufen, so viel sie
können. Der
Marktanalyst Gartner schätzt
die Ausgaben für KI-Infrastruktur im Jahr 2026 auf fast 1,4 Billionen
US-Dollar – Teil der insgesamt 2,5 Billionen Dollar für weltweite
KI-Ausgaben 2026. Da bleibt einiges für Speicher übrig.
Ein kurzer Überblick
Damit Speicher bald wieder deutlich günstiger wird, müsste die viel
beschworene KI-Blase platzen. Dafür gibt es bislang aber kaum Anzeichen.
Unter anderem viele mehrjährige Verträge zwischen Herstellern und
Abnehmern spiegeln wider, dass die Chiphersteller von einem mehrere
Jahre lang anhaltenden hohen Hardware-Bedarf in Rechenzentren ausgehen.
In Südkorea ist von einem „Superzyklus“ die Rede, was den derzeitigen
Speicherhunger angeht.
Eine Analyse von Mark Mantel
Mark Mantel ist seit 2019 Redakteur bei heise online und c't.
Er kümmert sich hauptsächlich um die Online-Berichterstattung rund um
PC-Hardware, Prozessoren und Halbleiter-Technik.
Zurzeit versuchen unzählige
Unternehmen, die PCs, Notebooks, Smart-TVs, Smartphones, Smartwatches,
Embedded Systems, Autoelektronik und andere Geräte produzieren, an
möglichst viel Speicher zu kommen, insbesondere DRAM. Schon die
Toilettenpapiersituation während der Coronapandemie zeigte: Wenn sich
viele Abnehmer gleichzeitig eindecken wollen, können selbst gut
verfügbare Waren knapp werden. Aber eine Stabilisierung ist möglich.
Wann soll ich kaufen?
Die Faustregel für Privatleute
beim Hardware-Kauf lautet stets: Kaufe dann, wenn neue Komponenten
benötigt werden. Wer auf fallende Preise setzt, muss vielleicht sehr
lange warten. Signifikante Preissenkungen erwarten wir in den nächsten
Monaten nicht, abseits von einzelnen Angeboten hier und da. Besondere
Vorsicht ist bei Ebay- und Amazon-Marketplace-Händlern sowie bei
Gebrauchtkäufen geboten. Das Angebot an Fälschungen wächst wegen der
enormen Nachfrage und der unklaren Preisentwicklung.
Die lange Fassung, warum Endkunden aktuell gearscht sind
Die erwähnten Cloud-Hyperscaler
und KI-Giganten haben tiefe Taschen und gehen langfristige
Lieferverträge ein. Auch die großen PC-Marken wie Lenovo, Dell, HP und
Apple planen ihren Bedarf genau voraus und haben die finanziellen
Reserven für zumindest mittelfristige Lieferzusagen.
Kleinere Hersteller und PC-Shops
müssen hingegen das nehmen, was an Speicherchips übrigbleibt, um
überhaupt Geräte anbieten zu können. Wer das nicht finanzieren kann,
steht 2026 womöglich vor dem Aus. Am schlechtesten sind PC-Selbstbauer
und Aufrüster positioniert: Sie stehen am Ende der Nahrungskette, ohne
Lobby, die bessere Preise aushandeln könnte. Der
Einzelhandelsverkaufspreis für 32 GByte DDR5-RAM schoss beispielsweise
von 70 Euro im Sommer 2025 auf mittlerweile über 300 Euro hoch.
Aber auch die größten Spieler am
Markt bluten. Samsung, SK Hynix und Micron bieten weniger langfristige
Lieferverträge an und wollen stattdessen fortlaufend von der hohen
Nachfrage profitieren. Selbst Apple musste angeblich kürzlich eine
Preisverdoppelung für Arbeitsspeicher in Kauf nehmen. Gleichzeitig
sollen langfristige Rahmenverträge die Position der Speicherhersteller
stärken, etwa durch abgemachte Vorauszahlungen.
Auf der anderen Seite gibt es
NAND-Flash- und Festplattenhersteller, die schon die komplette
Produktion fürs Jahr 2026 Kunden zugeteilt haben.
Seagate bestätigte sogar, bereits Verhandlungen fürs Jahr 2028 zu führen.
AMD und Nvidia sind keine Freunde des Endkunden
Noch längere Abkommen schließen AMD und Nvidia mit Hyperscalern ab. Meta und OpenAI etwa wollen
über die nächsten fünf Jahre hinweg Millionen von AMD-Beschleunigern kaufen.
Der Kauf der kompletten abgemachten Kapazität ist zwar nicht
verpflichtend, allerdings binden sich die Firmen durch Meilensteine
aneinander. Beim Einhalten bestimmter Kaufziele etwa verspricht AMD
dicke Aktienpakete für symbolische Centbeträge.
Nvidia macht Details zu solchen
Deals nicht mehr öffentlich, betont aber bei jedem Quartalsbericht, wie
rasant sich die KI-Beschleuniger verkaufen. Meta etwa will auch von
Nvidia Millionen GPUs kaufen. Jedes Quartal steigt der Umsatz um
mindestens 15 Prozent, weil selbst die steten Produktionssteigerungen
beim Chipauftragsfertiger TSMC den Markt nicht sättigen.
AMD und Nvidia scheren sich derweil nicht um Endkunden.
AMD-Chefin Lisa Su sagte erst kürzlich bei der Bekanntgabe von Geschäftszahlen,
dass der Firmenfokus auf Rechenzentren liegt. Nvidia-Chef Jensen Huang
gibt Nvidia immer wieder neue Titel, die nichts mehr mit
GeForce-Grafikkarten zu tun haben, zuletzt
„KI-Infrastruktur-Unternehmen“. Nvidias Finanzchefin Colette Kress gab
in einer Analystenkonferenz zu, dass die Liefersituation bei
Grafikkarten aufgrund des knappen GDDR7-Speichers bis mindestens zum
Jahresende 2026 angespannt bleibt.
Chipfertiger erwarten Wachstum
Die langfristigen Verträge
beginnen derweil schon zahlreiche Stationen früher in der Lieferkette.
ASML aus den Niederlanden ist der weltweit wichtigste Hersteller von
Lithografie-Systemen für die Chipfertigung. Erst kürzlich
vermerkte ASML Rekordbuchungen:
Sowohl Chipauftragsfertiger wie TSMC als auch Speicherhersteller wie
Samsung, SK Hynix und Micron gehen demnach von langfristigem Wachstum
aus.
ASML-Chef Christophe Fouquet
sagte im Januar 2026, dass Chipfertiger die Nachfrage durch KI-Hardware
für nachhaltig halten. Die Speicherversorgung soll laut ihm 2026 und
„höchstwahrscheinlich auch darüber hinaus“ knapp bleiben.
Phison-Chef Khein-Seng Pua ging im Februar noch weiter. Er hält eine Knappheit bis 2030 und darüber hinaus für realistisch. Er
warnte vor einem Herstellersterben,
weil sich kleinere Firmen die Preise und neuen Kaufbedingungen nicht
mehr leisten können. Phison ist ein Schwergewicht in der SSD-Branche mit
guten Kontakten: Die Firma stellt zum einen Controller her, zum anderen
aber auch ganze SSDs, die Unternehmen unter eigener Marke verkaufen.
Und was ist mit den Speicherherstellern?
Bei Samsung, SK Hynix und Micron
macht sich immer mehr Zuversicht bemerkbar, dass die Nachfrage nach
Speicher jahrelang hoch bleiben wird. Alle drei Weltmarktführer
beschleunigen derzeit offenbar den Bau neuer Halbleiterwerke, um die
Produktion ab 2028 signifikant zu erhöhen. Sie investieren dafür
Hunderte Milliarden US-Dollar bis 2027.
Micron allein nennt langfristige Ausgaben von 200 Milliarden US-Dollar.
Das ist ein wichtiger Indikator,
da Speicherhersteller traditionell zurückhaltend beim Ausbau sind. Sie
fürchten den sogenannten Schweinezyklus, also eine Übersättigung des
Marktes durch neue Fertigungskapazität und damit fallende Preise.
Im Jahr 2023 fiel allen großen
Speicherherstellern eine Fehleinschätzung auf die Füße: Die Nachfrage
war während der Coronapandemie enorm, brach dann aber plötzlich
zusammen. Samsung & Co. mussten ihren Speicher daraufhin mit Verlust
verkaufen.
Pro Quartal machten sie Milliardenverluste. Der Bau neuer Halbleiterwerke wurde gebremst oder pausiert, die Produktion in bestehenden Werken reduziert.
Vermutlich auch deshalb
reagierten die Speicherhersteller nicht vorausschauend auf die nahende
Krise. Die Angst vor Fehlinvestitionen scheint im aktuellen
„Superzyklus“ aber zu schwinden. Es sind auch nur noch drei große
DRAM-Firmen auf der Welt übrig. Der derzeit größte Konkurrent von
Samsung, SK Hynix und Micron dürfte der von der chinesischen Regierung
hoch subventionierte Hersteller CXMT sein, der aber wohl weniger als 5
Prozent des weltweiten Bedarfs decken kann. Noch dahinter rangieren
taiwanische DRAM-Produzenten wie Nanya, Powerchip (PSMC) und Winbond.
Derzeit hinken die Hersteller
weit hinter der Nachfrage her: Der Bau eines neuen Halbleiterwerks
dauert etwa zwei Jahre. Für das anschließende Hochfahren der
Serienproduktion ist mindestens ein halbes Jahr realistisch. Bis aus
einem Wafer ein fertiger Speicherbaustein wird, vergehen dann noch
einmal mehrere Monate. Deswegen ist frühestens ab Ende 2027
beziehungsweise 2028 mit deutlich höherer Produktionskapazität zu
rechnen.
Gleichzeitig muss auch die
Fertigungskapazität der Vorprodukte deutlich steigen, beispielsweise an
hochreinem Silizium, Wafern, Chemikalien und anderen Betriebsmitteln
sowie auch Strom und Wasser. Sogar Substrate für die Gehäuse der Chips
und deren
Vorprodukte wie Glasgewebe und Isolierfolien sind mittlerweile knapp.